Entzieht Trockenfutter dem Hund Wasser? Was Studien wirklich zeigen
Trinken Hunde bei Trockenfutter genug?
Und sollte man vorsichtshalber Wasser über die Kroketten kippen?
💬 „Trockenfutter entzieht dem Körper Wasser!“
Diese Aussage hält sich ziemlich hartnäckig. Und ganz ehrlich: Logisch klingt sie erstmal schon.
Wirf ein paar trockene Kroketten in ein Glas Wasser und du kannst dabei zusehen, wie sie sich vollsaugen und aufquellen. Was soll dann im Magen deines Hundes groß anders passieren?
Trockenfutter rein. Wasser weg. Hund trocknet aus?
Klingt nach einer ziemlich einfachen Rechnung. Nur hat der Körper deines Hundes die Rechnung offenbar nicht gelesen.
Der Hundekörper ist kein Schwamm
Die kurze Antwort auf die erste Frage lautet: Dafür, dass Trockenfutter den Körper dehydriert, gibt es keinen Beleg.
Denn dein Hund funktioniert nicht wie ein Schwamm, den man in eine Pfütze wirft.
Wasser wird laufend über den Magen und vor allem den Dünndarm aufgenommen. Gleichzeitig reguliert der Körper über Durst, Nieren und Hormone ziemlich penibel, wie viel Wasser aufgenommen, zurückgehalten und wieder ausgeschieden wird.
Dass eine Krokette im Verdauungstrakt Flüssigkeit aufnimmt, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass sie deinem Hund irgendwo im Körper Wasser klaut.
Trotzdem steckt in der Behauptung ein wahrer Kern.
Überraschung: Trockenfutter ist ziemlich trocken
Ich weiß. Bahnbrechende Erkenntnis. Aber genau hier liegt der entscheidende Unterschied.
In den hier besprochenen Studien enthielten die untersuchten Trockenfutter ungefähr 6 bis 7 Prozent Wasser. Die wasserreichen Futtermittel kamen dagegen auf etwa 71 bis 75 Prozent.
Was das praktisch bedeutet, wird mit einem kleinen Rechenbeispiel deutlicher:
200 Gramm Trockenfutter mit 6 Prozent Feuchtigkeit bringen gerade einmal ungefähr 12 Gramm Wasser mit. 200 Gramm Futter mit 71 Prozent Feuchtigkeit dagegen etwa 142 Gramm. Das ist mehr als zehnmal so viel.
Trockenfutter entzieht deinem Hund also nicht nachweislich Wasser. Es bringt aber selbst verdammt wenig davon mit.
Den Rest muss dein Hund entsprechend woanders herbekommen. In erster Linie aus seinem Wassernapf. Und genau das scheint er normalerweise auch zu tun.
Gurkensalat oder Scheibe Brot?
Stell dir vor, du sitzt beim Abendessen. Vor dir steht einmal eine große Schüssel Gurkensalat. Und einmal eine Scheibe Brot. Nach welcher Mahlzeit greifst du vermutlich eher zum Wasserglas?

Bei Hunden lässt sich eine solche Anpassung tatsächlich beobachten.
In einer Untersuchung aus dem Jahr 2025 bekamen zehn gesunde Beagles entweder ein Trockenfutter mit 6,1 Prozent Feuchtigkeit oder ein wasserreiches Frischfutter mit 71,1 Prozent Feuchtigkeit.
Und siehe da: Mit Trockenfutter tranken die Hunde fast dreimal so viel.
Zehn Hunde sind natürlich keine gigantische Datenbasis. Interessanterweise passt das Ergebnis aber zu einer älteren physiologischen Untersuchung.
Dort wurde von einem Dosenfutter mit etwa 74 Prozent Wasser auf Trockenfutter gewechselt. Und auch hier stieg die freiwillige Trinkwasseraufnahme auf das ungefähr Zweieinhalbfache.
Dein Hund sitzt bei Trockenfutter also offenbar nicht untätig rum und wartet darauf, innerlich zur Rosine zu werden. Er reagiert auf die geringere Wasserzufuhr über das Futter unter anderem mit mehr Trinken.

Und dieses Trinkwasser wird vom Körper offenbar genutzt. In der Untersuchung von Ramsay und Thrasher tranken die Hunde nach dem Wechsel auf Trockenfutter deutlich mehr. Trotzdem blieben sowohl das Urinvolumen als auch die Konzentration des Urins unverändert.
Vereinfacht gesagt: Die zusätzliche Flüssigkeit rauschte nicht einfach ungenutzt durch den Hund hindurch. Die Befunde sprechen vielmehr für eine funktionierende Anpassungsreaktion, mit der Hunde ihren Wasserhaushalt unter der wasserarmen Fütterung regulierten.
Aber reicht mehr Trinken wirklich?
Hier wird die Wissenschaft ausgerechnet bei etwas so Grundlegendem wie Wasser erstaunlich unbefriedigend. Denn:
Die eine perfekte Wassermenge für jeden Hund gibt es nicht.
In der Fachliteratur wird unter Bezug auf das National Research Council als grobe Orientierung etwa 1 Milliliter Gesamtwasser pro aufgenommener Kilokalorie umsetzbarer Energie als konservative Schätzung des Mindestbedarfs genannt.
Frisst dein Hund beispielsweise täglich 800 Kilokalorien, wären das nach dieser Rechnung ungefähr 800 Milliliter Gesamtwasser pro Tag.
Und das Wort Gesamtwasser ist hier aber entscheidend. Dazu zählen wir: Wasser aus dem Napf + Wasser aus dem Futter + kleinere Mengen Wasser, die im Stoffwechsel entstehen.
Ein Hund, der Feuchtfutter bekommt, kann deshalb deutlich weniger am Wassernapf trinken als ein Trockenfutter-Hund und trotzdem insgesamt auf eine ähnliche oder sogar höhere Wassermenge kommen.
Die 1-ml-Regel ist aber kein persönliches Trinkziel für deinen Hund.
Wie viel Wasser er tatsächlich benötigt, hängt unter anderem davon ab, was er frisst, wie aktiv er ist, wie warm es ist und wie viel Flüssigkeit er verliert.
Heißt auch: Nur weil dein Hund seinen Wassernapf nicht leer trinkt, kannst du daraus noch nicht ableiten, dass er zu wenig Wasser aufgenommen hat.
Doch sicherheitshalber Wasser übers Trockenfutter?
Trockenfutter einzuweichen kann aus mehreren Gründen sinnvoll sein. Ein Muss scheint es aber nicht zu sein.
Interessant: In der Untersuchung von Sires et al. (2025) kamen die Trockenfutter-Hunde trotz mehr Trinken nicht auf die gleiche Gesamtwasseraufnahme wie die Feuchtfutter-Hunde. Ob die Feuchtfutter-Hunde dabei aber mehr Wasser aufgenommen haben als sie eigentlich bräuchten, bleibt offen.
Für einen gesunden Hund, der zuverlässig trinkt und jederzeit Zugang zu frischem Wasser hat, liefern die bisherigen Untersuchungen jedenfalls keinen Grund für die pauschale Aussage: Trockenfutter dehydriert deinen Hund.
Wasser zum Futter zu geben bleibt trotzdem eine einfache Möglichkeit, die Gesamtwasseraufnahme gezielt zu erhöhen – gerade bei Hunden, die freiwillig eher wenig trinken.

Gerade bei einem Hund, der freiwillig eher nach dem Motto „Wasser? Kenne ich nicht.“ lebt, ist das eine ziemlich einfache Möglichkeit, zusätzlich Flüssigkeit ins Tier zu bekommen.
Eine weitere Möglichkeit ist es, besonders wasserhaltiges Obst und Gemüse hinzuzugeben, wie zum Beispiel Zucchini, Karotte oder Gurke. Wenn du nicht täglich selbst schnippeln möchtest, kannst du auch getrocknete Gemüseflocken nutzen, die du vorher in Wasser einweichst. Für Gemüsemuffel haben sich besonders Pellets bewährt, die eine cremige Masse, statt Stückchen ergeben.

Bei Erkrankungen, bei denen die Flüssigkeitsaufnahme therapeutisch relevant ist, sieht die Sache natürlich anders aus. Dann sollte die konkrete Strategie mit der behandelnden Tierärztin oder dem behandelnden Tierarzt abgestimmt werden.
Fazit: Entzieht Trockenfutter deinem Hund nun Wasser?
Nach dem, was wir bisher wissen: nein.
Trockenfutter liefert schlicht sehr wenig Wasser.
Gesunde Hunde können darauf reagieren, indem sie deutlich mehr trinken. In zwei kontrollierten Untersuchungen stieg die freiwillige Trinkwasseraufnahme unter wasserarmer Nahrung ungefähr auf das Zweieinhalb- bis Dreifache.
Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass eine höhere Futterfeuchtigkeit die Gesamtwasseraufnahme zusätzlich steigern kann.
Wenn du also Wasser über das Trockenfutter deines Hundes geben möchtest: Go for it.
Aber streich die Vorstellung, dass die trockene Krokette andernfalls in seinem Magen sitzt und ihm wie ein kleiner Schwamm das Wasser aus dem Körper zieht.